Ähem, ja, diesmal hatte ich's wirklich verpennt...
Kapitel 6 – Nut
Am nächsten Tag habe ich nur noch den Feierabend zugefiebert. Nicht, weil ich zu faul bin, sondern weil ich endlich mit meiner Ta’urischrift beginnen wollte. Spät nachmittags war dann wieder so ein Moment, wo nix los was. Offensichtlich hatten die Verbrecher Feierabend. Ich wies also den Wesir an, mir Bescheid zu geben, wenn doch jemand kommen würde und ging in mein Quartier. Ich brauchte dringend eine Pause! Von wegen erhöhtes Durchhaltevermögen durch den Goa’uld:
Das bringt einem sehr viel, wenn man ab 8.00 Uhr bereits zwei Diebstähle, einen Ehebruch und einen Mord abgearbeitet hat! Als ich so in meinem Bett lag, fiel mir ein kleiner Nachttisch, zumindest habe ich ihn für das gehalten, auf. Er stand in einer Ecke, fast schon unsichtbar und ich war mir sicher, dass er neu hier war. Als ich ihn näher betrachtete, sah ich darauf 30 Vierecke, die in je 3 Zehnerreihen aufgedruckt worden waren.
„Was ist das?“, fragte ich meine Dienerin, die, wie immer, schweigend herumstand.
„Ein Geschenk eines dankbaren Handwerkers. Es ist ein Senetspiel. Ein einfaches Brettspiel der Ta’uri.“
„Interessant, ich hatte mich noch nicht mit den hiesigen Freizeitgestaltungen beschäftigt.“, es zahlt sich also doch aus, den lieben Gott zu spielen, „Also, erklär mir mal kurz die Spielregeln!“, sagte ich und schob zwei Stühle heran.
„Ja, Herr!“, sie öffnete eine Schublade unter dem Spielfeld und holte eine Hand voll Spielsteine heraus, „Ähem, jeder Spieler hat 7 Spielsteine, die sich abwechselnd auf den ersten 14 Feldern befinden. Man würfelt mit 4 Stäbchen und es gibt 6 Aktionsfelder: Die letzten fünf sind Haus des Glücks, Haus des Wassers, Haus der Ma’at, Haus des Falken und Haus des Re’atum. Ein Spielstein auf diesen Feldern kann nicht geschlagen werden, und auf dem Haus des Wassers wird er zum sechsten Aktionsfeld, Feld 14 zurückgesetzt. Ich denke, dass waren alle Regeln…“
Ich nahm einfach alle Spielsteine und legte die roten und weißen abwechselnd aus.
„Wie wär’s mit einer Partie? Ich möchte mich etwas amüsieren und keine Sorge, ich werde meine göttlichen Kräfte nicht nutzen, um zu gewinnen. Sonst wär ja der Spaß weg!“
Sie schien etwas verdutzt zu sein, dennoch antwortete sie:
„Äh, ja, Herr! Wie ihr wünscht…“
Ich nahm die Stäbchen und warf sie auf eine freie Fläche. Drei weiße Flächen waren oben, also drei Felder weiter. Praktischerweise schlug ich damit einen von ihren Steinen. Doch gleich bei ihrem Zug konnte sie ihn mit einer zwei wieder ins Spiel bringen und dabei gleichzeitig einen von meinen schlagen. Ach was rede ich da, ich muss ja jetzt nicht jeden Zug erklären! Jedenfalls war es mal was anderes und irgendwie habe ich jedes Spiel gewonnen, weil ich schnell erkannte, dass es eine vernichtende Taktik ist, sämtliche Aktionsfelder zu blockieren und so zu verhindern, dass der Gegner seine Steine ins Ziel bringen kann.
Dann, gegen Abend, war es so weit: Endlich konnte ich beginnen! Ich nahm eine Papyrusrolle und eine Schreibfeder. Ja, jetzt war es so weit!!! Womit wollte ich eigentlich beginnen? Ich fing einfach an, die simpelsten Laute aufzuschreiben, die man mit der Goa’uldschrift ausdrücken kann. So wollte ich mich langsam an die Sprache herantasten. Doch gerade als ich den ersten Buchstaben niederschrieb, stürmte der Wesir mein Gemach…
„Herr, Herr, ein Notfall!“
„Was denn?“
„Ähem, nun ja, eigentlich weiß ich es selbst nicht so genau, aber kommt mit! Ein anderer Gott möchte mit euch reden!“
Selbstverständlich bin ich bei diesen Worten sofort in den Audienzsaal geeilt. Was könnte nur ein anderer Goa’uld von mir wollen? Es haute mich schon fast aus den Sandalen, als ich diesen „Goa’uld“ sah: Sie sah überhaupt nicht aus wie einer, so wie sie in unspektakuläre Leinen gehüllt war, zerzaustes Haar und keinerlei Schmuck trug. Normalerweise wird eigentlich viel protziger Goldschmuck angelegt, die besten Klamotten angezogen und man macht sich anderweitig schick, wenn zwei Goa’uld aufeinandertreffen. Logischerweise wird so aus einem simplen Gespräch ein Wettstreit der Angeber. Doch dies schien ein Sonderfall zu sein.
„Wer seid ihr, dass ihr mich sprechen wollt?“, ich kramte meine extrem tiefe Stimme für festliche Anlässe hervor und versuchte, mich nicht zuvor zu räuspern. Sie schaute mich gefasst an und antwortete:
„Mein Name ist Nut, Goa’uldkönigin! Und ich will nicht zu euch, sondern zu eurem Herrn, Ptah!“
„Es tut mir Leid, aber dazu müsste ich erst mal wissen, warum? Ptah mag es nicht, ohne triftigen Grund gestört zu werden.“
Sie schaute etwas zerknirscht, außerdem hatte ich das Gefühl, einen Hauch von Angst in ihren Augen zu sehen.
„Ich habe keine Zeit! Ra könnte jeden Augenblick hier sein…“
„… dann schlage ich vor, schnell zu sprechen!“
„Na schön, ich bin nicht nur Goa’uldkönigin, sondern auch die Gemahlin von Ra… und ich habe ihn betrogen. Es war ein großer Fehler, mich auf den Goa’uld Geb einzulassen, deshalb würden nun alle Symbionten, die in mir reifen, seine DNA erhalten. Ra ist außer sich vor Wut! Darum will ich Ptah bitten, den Streit zu schlichten. Und darum hatte ich auch vorübergehend diesen Wirt genommen.“
„Mmh, ihr müsstet doch eigentlich wissen, dass die Gesetzeslage eindeutig ist, was Ehebruch angeht. Und dass da selbst bei Goa’uld keine Ausnahme gemacht wird. Ich bin mir nicht sicher, was euch eine Unterredung bringen würde…“
Sie wollte gerade etwas erwidern, als plötzlich die massiven Eingangstüren mit einem großen Knall aufgerissen wurden. Ra trat mit großen Schritten ein, gefolgt von einem Trupp Jaffa, die sich mit ihren Stabwaffen im Anschlag im Raum verteilten.
„Netter Versuch, aber du kommst mit mir!“, sprach er zu Nut, ohne mich auch nur zu beachten.
„Ähem, Nut befindet sich hier auf Ptahs Boden, ihr habt hier nichts zu befehlen! Wenn sie eine Unterredung mit Ptah wünscht, dann könnt ihr sie nicht davon abhalten.“
Ich hatte ihn offenbar verärgert. Finster erwiderte er:
„Schweig, kleiner Diener des Ptah! Die Sache geht nur Nut und mich etwas an!“
„Das sehe ich anders, Tatsache ist, dass sie hier Zuflucht gesucht hat und damit habe ich als Statthalter von Memphis sehr wohl etwas zu sagen!“
Oh, ich hatte es wohl zu weit getrieben, ich wusste nicht, was Ra noch davon abhielt, seine Jaffa auf uns zu hetzen.
„Ich bin der Vertreter Ptahs und ihr möchtet euch doch bestimmt nicht mit ihm anlegen?“
Jetzt gab es wohl kein Weg zurück…
„Wachen!“, rief ich und mehrere dutzend Jaffa mit dem Mal von Ptah stürmten hinein, „Geleitet unseren Gast doch bitte zur Tür!“, rief ich ihnen zu.
Verdammt, das wird sowas von in einer Schießerei enden… Doch Ra zögerte:
„Schon gut, ich möchte kein Blutvergießen riskieren… und du, Nut, wenn du es auch nur wagen solltest, an nur einem Tag des Jahres, einen Symbionten mit den Genen Gebs zu gebären, wird es mir ein Vergnügen sein, dein schändliches Leben zu beenden!“
„Ein Fluch? Ist das nicht etwas zu theatralisch?“, kommentierte ich diese letzte Aussage.
Wütend wirbelte er herum und verschwand zusammen mit seinen Gefolgsleuten. Ich atmete nochmal tief durch. Ich war haarscharf an einem bewaffneten Konflikt vorbeigeschrammt.
„Wieso habt ihr das getan?“, Nut war ziemlich verwirrt.
„Mmh, ihr habt mich doch um Hilfe gebeten, oder?“
„Ja, aber…“
„Wesir, zeig unserem Gast doch ihre Gemächer!“, ich wandte mich ihr wieder zu, „Ich glaube nicht, dass ihr heute noch nach Hause gehen könnt! Keine Sorge, ich werde mir noch etwas einfallen lassen…“, immer noch etwas verwirrt antwortete sie:
„Ja, das hoffe ich auch…“
to be continued...